Mittwoch, 14. Februar 2007

Gewissensbisse – Rimorsi


Che Pizza! Bin genervt. Warum ist es so schwer einfach die Wahrheit zu sagen: Ich will hier nicht wohnen. Immer nur deutsch sprechen, dafür bin ich nicht nach Rom gekommen. Außerdem schlafe ich nachts kaum, weil sich in sämtliche Körperöffnungen, Poren und Nasenschleimhäute diese fiesen Katzenhaare bohren. Meine Augen schreien „raus hier!“ und sind aus Protest den ganzen Tag rostrot geschwollen. Die Zusage für die neue WG habe ich schon seit drei Tagen. Das ist nicht das Problem. Das Problem ist vielmehr meine Vermieterin Ruth, die bis mindestens Ende April mit den Mieteinnahmen rechnet. Ich hab einfach so ein scheiß schlechtes Gewissen. Che merda! Das kann ja wohl nicht so schwer sein, reinen Tisch zu machen!? Doch, kann es: Und zwar wenn sie mit dir in derselben Wohnung lebt. „Du Ruth, Ich musste heute Nacht schon ins Krankenhaus eingeliefert werden, weißt schon, Allergieschock und so…“ Ausrede Nummer eins wird sofort verworfen, ziemlich unrealistisch, dass sie den Abtransport nicht mitbekommen hätte. Wie wär’s mit einem tränenüberströmten: „Bei mir daheim geht`s drunter und drüber! Ich kann das auf die Schnelle nicht erklären.“ Luft holen, laut auf jaulen und dann käme das krönende: „Ich muss mein Erasmussemester sofort abbrechen.“ Schwachsinn.
Dann erinnere ich mich, dass von der Katze in unseren Vorgesprächen nie die Rede gewesen ist. Ich atme tief durch, bevor ich in die Küche komme, wo sie gerade ihr Abendessen macht und sage, dass wir mal reden müssen. „Haette ich gewusst, dass hier eine Katze in der Wohnung lebt, hätte ich das Zimmer gar nicht genommen“, erkläre ich ihr, während ich alibihalber meinen Salatkopf traktiere. Noch bevor sie etwas antworten kann füge ich noch schnell hinzu, dass ich eine WG in Aussicht habe. Dass ich die Zusage längst habe, verschweige ich diplomatischerweise erstmal lieber. Ihre Reaktion ist erstaunlich gelassen. Sie erzählt mir von einem anderen Mieter mit Allergie, der es vier Monate ausgehalten hat und fragt sogar noch, wo die andere WG denn sei. Dio, sono cosi sollevata!

Beh, che cosa fai, Anna?


„Alle Wege führen nach Argentina“, denke ich und steige mutig in den nächstbesten Bus um von der Uni wieder zurück zur der Endhaltestelle zu kommen, von der ich mit der Tram nach Trastevere fahren kann. Bus 46 fährt nicht zur Argentina, das habe ich immerhin herausgefunden. Nach zehn Minuten fleißigem aus dem Fenster kucken, mit der Hoffnung irgendein bekanntes Straßenbild zu erkennen, springe ich aus dem Bus, bevor ich ganz verloren gehe. Während ich mich noch hinter dem quadratmetergroßen Stadtplan verstecke, hält am Straßenrand ein älterer Herr mit seinem Roller an und fragt ob er mir helfen kann. „Ich hab keine Ahnung wo ich gerade bin, will aber nach Trastevere“, antworte ich so gut es geht auf Italienisch. „Hast du Angst?“, fragt er nur und deutet auf den Sozius. Bevor ich noch nachdenken kann, was die klügste Antwort wäre, kommt ein fast schon entrüstetes „Angst? Nein, ich fahr doch selber Vespa!“ aus mir raus geschossen. Und schon werde ich quer durch Rom chauffiert (Sorry Mama!)

Beim Warten im Ufficio Entrate Roma 1, wo ich mir eine Steuernummer ausstellen lassen muss, mache ich schon die nächste Bekanntschaft: Ilaria, ein römische Studentin, die fasziniert von der deutschen Sprache ist: „Deutsch klingt so melodiös, so ähnlich wie Französisch!“, schwärmt sie. Bisher habe ich immer nur gehört Deutsch klinge abgehackt und unfreundlich. Na gut. Im Volk der Wartenden ist alles verteten: Die Afrikanerin im Leoparden-Kunstpelz leiht sich den Kugelschreiber von der Studentin im rosa Rollkragenpulli. Zwei Nonnen weiter vorne haben ihren Aufruf verpasst und diskutieren nun mit einem Beamten rum. Der rumänische Geschäftsmann links neben mir hilft mir das schlecht kopierte Formular auszufüllen. Vor mir warten noch 83 Leute, eine davon ist Ilaria. Nach überstandenem Amtsgang gehen wir unseren ersten gemeinsam Kaffee trinken.

Mittwoch, 7. Februar 2007

Il primo giorno a Roma.

Eine halbe Stunde bin ich da und hab schon einen Wasserschaden verursacht. Ganz deutscher Stromspar-Mentalität will ich die beiden Heizkörper in meinem Zimmer abdrehen bevor ich die Fenster öffne. Dreh nach rechts. Ich spüre einen Widerstand, das Ventil scheint eingerostet. Mit dem zweiten - etwas kräftigeren - Ansatz dreht nicht nur das Ventil: Gleichzeitig schießt eine Fontäne warmes Wasser aus der Leitung. Und jetzt? Die Vermieterin ist gerade weggegangen, ich habe keine Nummer von ihr. Jetzt liegen am Boden eben stapelweise Handtücher und eine Auflaufform fängt jeden Tropfen mit einem satten Plopp auf. Mal sehen.

Gestern Abend ging’s ab München los mit dem Nachtzug. Mit mir im Abteil zwei Römer, beide Anfang vierzig. „We are mad“, erklären sie mir als ich frage, was sie in Deutschland gemacht haben: Für einen einzigen Tag auf der Spielwarenmesse in Nürnberg haben sie zweimal elf Stunden im Nachtzug verbracht. In Kufstein steigen noch zwei junge Österreicherinnen zu, ich bin erleichtert. Die Nacht war trotzdem der Horror. Bei gefühlten 100 Grad und 0 Prozent Sauerstoff war Schlafen kaum möglich.

Es regnet in Strömen, als ich morgens um acht in Rom mit meinem Wanderrucksack auf dem Rücken, einen kleinen Rucksack überm Bauch und einem viel zu schweren Koffer in der hand aufs Bahngleis stolpere. Auf der nassen Rolltreppe ziehts mir gleich die Schuhe aus und ich werde von einem Gepäckberg begraben. Die kleine Showeinlage zeigt Wirkung: Ein hilfsbereiter Italiener nimmt sich meines Koffers an. Insgesamt muss ich auf dem Weg zu meiner Bleibe vier verschiedene Leute um Hilfe bitten. Die größte Herausforderung war die steile Treppe am Bahnhof Termini: Der eiskalte Security-Typ, den ich nach der nächsten Rolltreppe frage, lässt mich eiskalt abblitzen. Genervt stelle ich mich also einfach ans Treppenende und setze den hilfebedürftigsten Blick auf, den ich hinkriege. Ein älterer Herr hat schließlich Mitleid und trägt mir den Koffer hoch.

Die Wohnung: Ich residiere erstmal im Monteverde Nuovo, dem Stadtteil über Trastevere, in einer schönen, aber ziemlich runtergekommenen Altbauwohnung. Neben einer anderen deutschen Studentin wohnt hier noch die Vermieterin, eine freie Journalistin, Alt-68er-in, Mutter zweier Töchter von zwei verschiedenen Vätern, ex Taz-Mitarbeiterin, selbsternannten Feministin und Kettenraucherin. Für alle CEGler: Optisch ähnelt sie ein wenig Frau Bogner. Als ich das erste Mal mein Zimmer betrete, springt mir eine schwarze Katze entgegen. Allein ihr Anblick löst die erste Niesattacke aus.

Jetzt wird erstmal versäumter Nachtschlaf nachgeholt, dann werde ich mal das Viertel erkunden!